Entscheidungen unter Unsicherheit und begrenzter Zeit

Von der Absicherungskultur hin zur Schaffenskultur: Mehr Mut zum Entscheiden, um Stillstand zu verhindern.
Der renommierte und bekannte Risikoforscher und Psychologe Prof. Dr. Gerd Gigerenzer war für die Bittmann-Stiftung zu Gast in Meisenheim

Meisenheim, November 2019. Auch in diesem Jahr ist es der Bittmann-Stiftung wieder gelungen, einen ganz besonderen, charismatischen und international renommierten Redner als Gast in der Aula des Paul-Schneider-Gymnasiums Meisenheim zu gewinnen: Der promovierte Psychologe Prof. Dr. Gerd Gigerenzer zog die Zuschauer mit einem sehr lehrreichen und unterhaltsamen, kurzweiligen Vortrag zum Thema: „Entscheidungen unter Unsicherheit und begrenzter Zeit“ in ihren Bann.

 „Das größte Risiko auf Erden laufen die Menschen, die nie das kleinste Risiko eingehen wollen.“ Mit diesem Zitat von Bertrand Russel eröffnete der anerkannte Risikoforscher Prof. Dr. Gerd Gigerenzer den zweiten Vortrag der Reihe „Aktuelle Themen aus Forschung und Wissenschaft“, die die Bittmann-Stiftung im vergangenen Jahr ins Leben gerufen hat.

In der fast voll besetzten Aula des Paul-Schneider-Gymnasiums in Meisenheim machte der bekannte Redner, Schriftsteller und promovierte Psychologe, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und Direktor des Harding-Zentrum für Risikokompetenz am Max-Planck-Institut in Berlin, den gespannt lauschenden Zuschauern deutlich, wie wichtig es ist, Entscheidungen auch zu treffen und damit Verantwortung zu übernehmen.

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 Je mehr Informationen man im Vorfeld zur Entscheidungsfindung sammelt, desto sicherer, besser fällt die Entscheidung aus? Dass diese oft – und nicht nur in der Wirtschaft – vorherrschende Meinung nicht immer unbedingt weiterführend ist, das machte Prof. Gigerenzer mit seinem Vortrag deutlich. Sind Bauchentscheidungen eine Alternative? Das war eine Frage, die von ihm hierbei beleuchtet wurde. Und wenn man weiß, dass die Grundlage des berühmten Bauchgefühls und der eigenen Intuition die vielen Erfahrungen sind, die man im Leben bereits gemacht hat – dann weiß man, dass es weise ist, sich auch darauf zu verlassen. Besonders in instabileren Situationen gilt es, nach dem besten Grund einfach zu entscheiden, wenn man viel Erfahrungen auf diesem Gebiet hat – je mehr umso besser!

Warum tun sich viele Menschen aber so schwer damit? Trifft man eine Bauchentscheidung, dann muss man selbst die Verantwortung dafür übernehmen und kann sich nicht nur auf die vielen zuvor gesammelten Zahlen, Fakten und Statistiken berufen, so Prof. Gigerenzer. Diese Angst vor Verantwortung führt aber häufig zu defensiven Entscheidungsvarianten, die dann oft auch eben nur zweitklassige Entscheidungen sind. Woher kommt die Angst? Oft daher, dass im Umfeld des Entscheiders eine negative Fehlerkultur besteht, in dem keine Fehler gemacht werden dürfen. Man möchte sich vor den Konsequenzen und auch vor dem negativen Gefühl, das damit einhergeht, schützen.

Die Konsequenz daraus wiederum: Auf die Entscheidungsfindung wird lieber viel Zeit und Energie verwendet, um sich mit möglichst vielen Informationen im Vorfeld abzusichern, statt auf sein Gefühl zu hören und nach dem besten Grund schneller zu entscheiden. Diese Vorgehensweise jedoch führt zu Verlangsamung von Innovation und im schlimmsten Fall zu Stillstand.

Das Informationen und Statistiken bei der Risikominimierung nicht immer hilfreich sind, zeigte Prof. Gigerenzer u.a. anschaulich am Beispiel von Terroranschlägen: „Der Terror schlägt immer zweimal zu“, so Prof. Gigerenzer. Nämlich zum einen natürlich bei der Ausübung selbst – und weiter dann durch die daraus resultierenden Konsequenzen, wie die Ängste und das Verhalten der Menschen im Nachhinein. So hatte es sich etwa gezeigt, dass nach den Anschlägen des 11. Septembers in den USA ein Vielfaches mehr an Menschen bei Autounfällen ums Leben kamen, als in den Jahren zuvor, weil viele aus Angst vor einem Flugzeugabsturz auf Autoreisen umgestiegen sind. Als sich im darauffolgenden Jahr das Reiseverhalten wieder verändert hat, hat sich auch diese Statistik wieder relativiert. Auch sterben z.B. mehr Menschen an Krankenhauskeimen als bei Terroranschlägen, erwähnt Prof. Gigerenzer.

Das alles berechenbar ist, ist sowieso eine Illusion, so Prof. Gigerenzer. Daher bringen schnelle, robuste, verantwortungsvolle und mutig getroffene Entscheidungen einen meist weiter. Lange Entscheidungswege und Hierarchien behindern häufig das Voranschreiten, denn je länger man nachdenkt, desto schwieriger kann es werden.

Von der zunehmenden Absicherungskultur muss es wieder weg hin zur Schaffenskultur gehen. Weniger kann mehr sein, so Prof. Gigerenzer – wichtig ist es, den Mut zu haben, Entscheidungen zu treffen und dabei auch Fehler einzukalkulieren, damit es keinen Stillstand gibt. Dafür müssen die Menschen – die Erwachsenen und vor allem auch die Heranwachsenden – wieder verstärkt lernen, mitzudenken, statt bequem zu sein und mit dem Blick auf das Ganze mehr Eigenverantwortung bei Entscheidungen zeigen.

„Es hat uns wirklich sehr stolz gemacht, diesen ganz besonderen und hochkarätigen Gast auf diesem Gebiet in Meisenheim begrüßen zu dürfen,“ so Eugen Krax, Stiftungs-Vorstand. „Wir möchten mit unserer Vortragsreihe auch in unserer Region den Menschen die Möglichkeit bieten, sich spannende, aufschlussreiche Vorträge von bekannten, interessanten und renommierten Rednern anhören zu können, für die man sonst viele Kilometer weit reisen müsste. Es freut uns, dass die Reihe in diesem Jahr (wieder) viel Anklang gefunden hat und wir hoffen, dass im nächsten Jahr noch mehr Zuschauer dieses kostenlose Angebot nutzen werden.“

 

Gruppenbild

V.l.n.r.: Eugen Krax, Vorstand Bittmann-Stiftung, Landrätin Bettina Dickes, Prof. Dr. Gerd Gigerenzer, Sabine Bittmann Vorstandsvorsitzende Bittmann-Stiftung, Eckhard Schüßler Vorstand Bittmann-Stiftung.

Zweierbild

Die Vorstandsvorsitzende der Bittmann-Stiftung, Sabine Bittmann, bedankt sich bei Prof. Dr. Gerd Gigerenzer für den beeindruckenden und lehrreichen Vortrag.

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