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Vortrag ein voller Erfolg: Weltmacht China – zwischen Innovation und Überwachung

Die Jahrzehnte währende Vorherrschaft des Westens, die Welt nach seinen Vorstellungen zu gestalten, geht zu Ende. Die Spielregeln werden künftig andere bestimmen, allen voran China. Das sagt Frank Sieren. Der renommierte Journalist und Buchautor, der seit mehr als 25 Jahren in China lebt, referierte auf Einladung der Meisenheimer Bittmann-Stiftung am Freitagabend, 18. November,  in einer nahezu voll besetzten Aula des Paul-Schneider-Gymnasiums zum Thema „Weltmacht China – zwischen Innovation und Überwachung sowie seine Rolle im Ukraine-Krieg“.

Nach Sierens Beobachtung verfolgt das Reich der Mitte beharrlich seinen Weg an die Weltspitze, während sich der Westen – im wesentlichen Europa und die USA – noch in der trügerischen Sicherheit wähnt,  China als seinen Billigproduzenten anzusehen. Doch das Land mit seinen 1,4 Millionen Menschen ist nicht mehr die „Fabrik der Welt“, die der Westen für sich nutzt, um günstige Produkte auf den Märkten absetzen zu können. Während man auch in Deutschland dachte, es gehe ewig so weiter, arbeitete China konsequent an seinem Ziel, Weltmacht zu werden – und zwar die innovativste.
Mit einer geschickten Wirtschaftspolitik aus staatlichen Planzielen und marktwirtschaftlichen Elementen setzt die Volksrepublik zu Aufholjagd und Überholmanöver an. Immer dort, wo es dem Fortschritt und dem wirtschaftlichen Nutzen dient, darf sich Kapitalismus (in Grenzen) in eigens gebildeten Sonderwirtschaftszonen auch mit westlichen Firmen entfalten.  Innovation durch Wettbewerb und nicht durch Planwirtschaft lautet Chinas Credo. So hat die anfängliche Win-win-Situation, bei der westliche Demokratien von preiswerten Produktionsbedingungen profitierten und China sich über hohe Beschäftigung mit höheren Arbeitseinkommen und damit verbundenem Konsum freute, mittlerweile zu einer extremen Abhängigkeit des Westens vom Reich der Mitte geführt, die nach Sierens Ansicht von der Politik viel zu spät erkannt wurde.  Chinas rasante Aufholjagd zeige sich beispielsweise im Bau von Autobatterien. Das riesige Reich habe Tesla bereits den Rang abgelaufen. Nio, Polestar und andere chinesische Elektroautos würden noch in diesem Jahr Deutschland erreichen. „Das wird den deutschen Automarkt dramatisch verändern“, ist Sieren sicher.
Doch Chinas Innovationsoffensive geht weit darüber hinaus. In der Digitalisierung liege das Land ebenfalls weit vorne, was beispielsweise am Stand der Bilderkennungssoftware festzustellen sei. Sie ist die Basis für die Entwicklung autonomen Fahrens. „Gegenüber den USA ist China hierbei technologisch führend“, sagt Sieren. Er verweist dabei auf inzwischen „zahlreiche Hauptstraßen für autonomes Fahren“ in der Millionenmetropole Shenzhen.

Begleitet wird das Ganze von einer nahezu totalen digitalen Kontrolle der Bürger. Überwachung aller Orten, ohne die Nutzung einer App gehe nichts. Hunderttausende von Kameras in Städten überwachten die Schritte der Menschen. Bestellen, bezahlen, Zugang zu Wohnung oder Einrichtungen – alles funktioniere digital. Es gebe zwar ein Datenschutzgesetz nach europäischem Muster, das gelte allerdings nicht für den Staat. Dass das Leben im Prinzip über eine digitale App gesteuert werde, mit der Zeit spüre man es nicht mehr. Es sei integraler Bestandteil des Lebens.
Das Streben nach wirtschaftlicher Überlegenheit macht auch vor dem Luftraum nicht halt, wie Sieren schildert. Es fliegen bereits Drohnen, die auf Bestellung Essen und Medikamente zu den Kunden bringen. Testweise heben laut Sieren sogar Drohnentaxis ab mit bis zu vier Personen. An der dramatischen Entwicklung, die sich dort für den Westen zusammenbraut, lässt der Chinakenner keinen Zweifel: „Die laufen sich erst warm.“ Ohne China geht künftig also nichts. Und andere asiatische und afrikanische Staaten, die sich nicht mehr die westliche Weltsicht aufdrängen lassen wollen, ziehen mit. Sie haben ihre eigenen Vorstellungen, auch zu Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine (Sieren: „Der ist weit weg für sie.“), und China liebäugelt mit Russlands Gas.
Ist Europa noch zu retten? Noch nicht, meint Sieren. Aber: „Die Bedeutung von Innovation ist für uns essenziell. Nur wenn wir besser sind, bleiben wir im Geschäft“, so seine Mahnung. Innovation dürfe sich nicht im Selbstzweck erschöpfen, sondern müsse auch in Produkte münden. Selbstverliebtheit in deutsche Ingenieurskunst, die keiner kaufen will, habe keine Zukunft. Und um es noch einmal auf den Punkt zu bringen, fügt er noch zwei mahnende Sätze an: „Wir sind nicht alleine auf der Welt. Wir dürfen nicht machen, was wir für richtig halten, sondern wir müssen herstellen, was der Kunde will.“
In einer neuen „multipolaren Weltordnung“, wie Sieren sie kommen sieht, gibt es nicht mehr nur einen, der bestimmt, wo’s lang geht. Eine Chance für Deutschland und Europa mitzumischen, bestehe dann, wenn man erkenne, dass die großen Probleme der Welt nur gemeinsam zu lösen sind. „Wir sollten nicht schmollen, sondern den Mut haben, eigene Vorstellungen und Strategien zu entwickeln, um unsere Werte in die neue Weltordnung einbringen“, rät Sieren.  Dazu brauche es einen Perspektivwechsel und das Verständnis für andere Sichtweisen. Je schneller, desto besser.
Nahezu zwei Stunden vergingen wie im Flug. Sabine Bittmann, die Vorstandsvorsitzende der gleichnamigen Stiftung, dankte Sieren für seine überaus informative und außerordentlich kompetente Expertise über ein Land, das er wie kein Zweiter seit Jahrzehnten aus eigener Erfahrung kennt und das sich dem westlichen Beobachter nur schwer erschließt. Dass Sieren mit seinem spannenden Vortrag den richtigen Nerv getroffen hatte, belegten zahlreiche Fragen aus dem Publikum.