Vortragsreihe

2022: Frank Sieren

Die Jahrzehnte währende Vorherrschaft des Westens, die Welt nach seinen Vorstellungen zu gestalten, geht zu Ende. Die Spielregeln werden künftig andere bestimmen, allen voran China. Das sagt Frank Sieren. Der renommierte Journalist und Buchautor, der seit mehr als 25 Jahren in China lebt, referierte auf Einladung der Meisenheimer Bittmann-Stiftung am Freitagabend, 18. November,  in einer nahezu voll besetzten Aula des Paul-Schneider-Gymnasiums zum Thema „Weltmacht China – zwischen Innovation und Überwachung sowie seine Rolle im Ukraine-Krieg“.

Nach Sierens Beobachtung verfolgt das Reich der Mitte beharrlich seinen Weg an die Weltspitze, während sich der Westen – im wesentlichen Europa und die USA – noch in der trügerischen Sicherheit wähnt,  China als seinen Billigproduzenten anzusehen. Doch das Land mit seinen 1,4 Millionen Menschen ist nicht mehr die „Fabrik der Welt“, die der Westen für sich nutzt, um günstige Produkte auf den Märkten absetzen zu können. Während man auch in Deutschland dachte, es gehe ewig so weiter, arbeitete China konsequent an seinem Ziel, Weltmacht zu werden – und zwar die innovativste.
Mit einer geschickten Wirtschaftspolitik aus staatlichen Planzielen und marktwirtschaftlichen Elementen setzt die Volksrepublik zu Aufholjagd und Überholmanöver an. Immer dort, wo es dem Fortschritt und dem wirtschaftlichen Nutzen dient, darf sich Kapitalismus (in Grenzen) in eigens gebildeten Sonderwirtschaftszonen auch mit westlichen Firmen entfalten.  Innovation durch Wettbewerb und nicht durch Planwirtschaft lautet Chinas Credo. So hat die anfängliche Win-win-Situation, bei der westliche Demokratien von preiswerten Produktionsbedingungen profitierten und China sich über hohe Beschäftigung mit höheren Arbeitseinkommen und damit verbundenem Konsum freute, mittlerweile zu einer extremen Abhängigkeit des Westens vom Reich der Mitte geführt, die nach Sierens Ansicht von der Politik viel zu spät erkannt wurde.  Chinas rasante Aufholjagd zeige sich beispielsweise im Bau von Autobatterien. Das riesige Reich habe Tesla bereits den Rang abgelaufen. Nio, Polestar und andere chinesische Elektroautos würden noch in diesem Jahr Deutschland erreichen. „Das wird den deutschen Automarkt dramatisch verändern“, ist Sieren sicher.
Doch Chinas Innovationsoffensive geht weit darüber hinaus. In der Digitalisierung liege das Land ebenfalls weit vorne, was beispielsweise am Stand der Bilderkennungssoftware festzustellen sei. Sie ist die Basis für die Entwicklung autonomen Fahrens. „Gegenüber den USA ist China hierbei technologisch führend“, sagt Sieren. Er verweist dabei auf inzwischen „zahlreiche Hauptstraßen für autonomes Fahren“ in der Millionenmetropole Shenzhen.

Begleitet wird das Ganze von einer nahezu totalen digitalen Kontrolle der Bürger. Überwachung aller Orten, ohne die Nutzung einer App gehe nichts. Hunderttausende von Kameras in Städten überwachten die Schritte der Menschen. Bestellen, bezahlen, Zugang zu Wohnung oder Einrichtungen – alles funktioniere digital. Es gebe zwar ein Datenschutzgesetz nach europäischem Muster, das gelte allerdings nicht für den Staat. Dass das Leben im Prinzip über eine digitale App gesteuert werde, mit der Zeit spüre man es nicht mehr. Es sei integraler Bestandteil des Lebens.
Das Streben nach wirtschaftlicher Überlegenheit macht auch vor dem Luftraum nicht halt, wie Sieren schildert. Es fliegen bereits Drohnen, die auf Bestellung Essen und Medikamente zu den Kunden bringen. Testweise heben laut Sieren sogar Drohnentaxis ab mit bis zu vier Personen. An der dramatischen Entwicklung, die sich dort für den Westen zusammenbraut, lässt der Chinakenner keinen Zweifel: „Die laufen sich erst warm.“ Ohne China geht künftig also nichts. Und andere asiatische und afrikanische Staaten, die sich nicht mehr die westliche Weltsicht aufdrängen lassen wollen, ziehen mit. Sie haben ihre eigenen Vorstellungen, auch zu Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine (Sieren: „Der ist weit weg für sie.“), und China liebäugelt mit Russlands Gas.
Ist Europa noch zu retten? Noch nicht, meint Sieren. Aber: „Die Bedeutung von Innovation ist für uns essenziell. Nur wenn wir besser sind, bleiben wir im Geschäft“, so seine Mahnung. Innovation dürfe sich nicht im Selbstzweck erschöpfen, sondern müsse auch in Produkte münden. Selbstverliebtheit in deutsche Ingenieurskunst, die keiner kaufen will, habe keine Zukunft. Und um es noch einmal auf den Punkt zu bringen, fügt er noch zwei mahnende Sätze an: „Wir sind nicht alleine auf der Welt. Wir dürfen nicht machen, was wir für richtig halten, sondern wir müssen herstellen, was der Kunde will.“
In einer neuen „multipolaren Weltordnung“, wie Sieren sie kommen sieht, gibt es nicht mehr nur einen, der bestimmt, wo’s lang geht. Eine Chance für Deutschland und Europa mitzumischen, bestehe dann, wenn man erkenne, dass die großen Probleme der Welt nur gemeinsam zu lösen sind. „Wir sollten nicht schmollen, sondern den Mut haben, eigene Vorstellungen und Strategien zu entwickeln, um unsere Werte in die neue Weltordnung einbringen“, rät Sieren.  Dazu brauche es einen Perspektivwechsel und das Verständnis für andere Sichtweisen. Je schneller, desto besser.
Nahezu zwei Stunden vergingen wie im Flug. Sabine Bittmann, die Vorstandsvorsitzende der gleichnamigen Stiftung, dankte Sieren für seine überaus informative und außerordentlich kompetente Expertise über ein Land, das er wie kein Zweiter seit Jahrzehnten aus eigener Erfahrung kennt und das sich dem westlichen Beobachter nur schwer erschließt. Dass Sieren mit seinem spannenden Vortrag den richtigen Nerv getroffen hatte, belegten zahlreiche Fragen aus dem Publikum.

2021: Heiner Brand

Heiner Brand – Handballweltmeister als Spieler und Trainer -referierte auf Einladung der Bittmann-Stiftung über den „Aufbau eines erfolgreichen Teams und Umgang mit Kritik“. Die begeisterten Besucher waren sich einig: Anschaulich, kurzweilig, humorvoll, mit vielen Denkanstößen. So lässt sich der Vortrag der Sportikone im Paul-Schneider-Gymnasium Meisenheim charakterisieren. Nach Ende des offiziellen Teils gab Heiner Brand noch die Möglichkeit zu persönlichen Gesprächen und bereitwillig Autogramme. Die Bittmann-Stiftung ist sich sicher: Auch in 2022 soll die Vortragsreihe fortgesetzt werden. Wer wird dann wohl der Gast in Meisenheim sein?

2019: Prof. Dr. Gerd Gigerenzer

Von der Absicherungskultur hin zur Schaffenskultur: Mehr Mut zum Entscheiden, um Stillstand zu verhindern.
Der renommierte und bekannte Risikoforscher und Psychologe Prof. Dr. Gerd Gigerenzer war für die Bittmann-Stiftung zu Gast in Meisenheim

Auch in diesem Jahr ist es der Bittmann-Stiftung wieder gelungen, einen ganz besonderen, charismatischen und international renommierten Redner als Gast in der Aula des Paul-Schneider-Gymnasiums Meisenheim zu gewinnen: Der promovierte Psychologe Prof. Dr. Gerd Gigerenzer zog die Zuschauer mit einem sehr lehrreichen und unterhaltsamen, kurzweiligen Vortrag zum Thema: „Entscheidungen unter Unsicherheit und begrenzter Zeit“ in ihren Bann.

„Das größte Risiko auf Erden laufen die Menschen, die nie das kleinste Risiko eingehen wollen.“ Mit diesem Zitat von Bertrand Russel eröffnete der anerkannte Risikoforscher Prof. Dr. Gerd Gigerenzer den zweiten Vortrag der Reihe „Aktuelle Themen aus Forschung und Wissenschaft“, die die Bittmann-Stiftung im vergangenen Jahr ins Leben gerufen hat.

In der fast voll besetzten Aula des Paul-Schneider-Gymnasiums in Meisenheim machte der bekannte Redner, Schriftsteller und promovierte Psychologe, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und Direktor des Harding-Zentrum für Risikokompetenz am Max-Planck-Institut in Berlin, den gespannt lauschenden Zuschauern deutlich, wie wichtig es ist, Entscheidungen auch zu treffen und damit Verantwortung zu übernehmen.

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Je mehr Informationen man im Vorfeld zur Entscheidungsfindung sammelt, desto sicherer, besser fällt die Entscheidung aus? Dass diese oft – und nicht nur in der Wirtschaft – vorherrschende Meinung nicht immer unbedingt weiterführend ist, das machte Prof. Gigerenzer mit seinem Vortrag deutlich. Sind Bauchentscheidungen eine Alternative? Das war eine Frage, die von ihm hierbei beleuchtet wurde. Und wenn man weiß, dass die Grundlage des berühmten Bauchgefühls und der eigenen Intuition die vielen Erfahrungen sind, die man im Leben bereits gemacht hat – dann weiß man, dass es weise ist, sich auch darauf zu verlassen. Besonders in instabileren Situationen gilt es, nach dem besten Grund einfach zu entscheiden, wenn man viel Erfahrungen auf diesem Gebiet hat – je mehr umso besser!

Warum tun sich viele Menschen aber so schwer damit? Trifft man eine Bauchentscheidung, dann muss man selbst die Verantwortung dafür übernehmen und kann sich nicht nur auf die vielen zuvor gesammelten Zahlen, Fakten und Statistiken berufen, so Prof. Gigerenzer. Diese Angst vor Verantwortung führt aber häufig zu defensiven Entscheidungsvarianten, die dann oft auch eben nur zweitklassige Entscheidungen sind. Woher kommt die Angst? Oft daher, dass im Umfeld des Entscheiders eine negative Fehlerkultur besteht, in dem keine Fehler gemacht werden dürfen. Man möchte sich vor den Konsequenzen und auch vor dem negativen Gefühl, das damit einhergeht, schützen.

Die Konsequenz daraus wiederum: Auf die Entscheidungsfindung wird lieber viel Zeit und Energie verwendet, um sich mit möglichst vielen Informationen im Vorfeld abzusichern, statt auf sein Gefühl zu hören und nach dem besten Grund schneller zu entscheiden. Diese Vorgehensweise jedoch führt zu Verlangsamung von Innovation und im schlimmsten Fall zu Stillstand.

Das Informationen und Statistiken bei der Risikominimierung nicht immer hilfreich sind, zeigte Prof. Gigerenzer u.a. anschaulich am Beispiel von Terroranschlägen: „Der Terror schlägt immer zweimal zu“, so Prof. Gigerenzer. Nämlich zum einen natürlich bei der Ausübung selbst – und weiter dann durch die daraus resultierenden Konsequenzen, wie die Ängste und das Verhalten der Menschen im Nachhinein. So hatte es sich etwa gezeigt, dass nach den Anschlägen des 11. Septembers in den USA ein Vielfaches mehr an Menschen bei Autounfällen ums Leben kamen, als in den Jahren zuvor, weil viele aus Angst vor einem Flugzeugabsturz auf Autoreisen umgestiegen sind. Als sich im darauffolgenden Jahr das Reiseverhalten wieder verändert hat, hat sich auch diese Statistik wieder relativiert. Auch sterben z.B. mehr Menschen an Krankenhauskeimen als bei Terroranschlägen, erwähnt Prof. Gigerenzer.

Das alles berechenbar ist, ist sowieso eine Illusion, so Prof. Gigerenzer. Daher bringen schnelle, robuste, verantwortungsvolle und mutig getroffene Entscheidungen einen meist weiter. Lange Entscheidungswege und Hierarchien behindern häufig das Voranschreiten, denn je länger man nachdenkt, desto schwieriger kann es werden.

Von der zunehmenden Absicherungskultur muss es wieder weg hin zur Schaffenskultur gehen. Weniger kann mehr sein, so Prof. Gigerenzer – wichtig ist es, den Mut zu haben, Entscheidungen zu treffen und dabei auch Fehler einzukalkulieren, damit es keinen Stillstand gibt. Dafür müssen die Menschen – die Erwachsenen und vor allem auch die Heranwachsenden – wieder verstärkt lernen, mitzudenken, statt bequem zu sein und mit dem Blick auf das Ganze mehr Eigenverantwortung bei Entscheidungen zeigen.

„Es hat uns wirklich sehr stolz gemacht, diesen ganz besonderen und hochkarätigen Gast auf diesem Gebiet in Meisenheim begrüßen zu dürfen,“ so Eugen Krax, Stiftungs-Vorstand. „Wir möchten mit unserer Vortragsreihe auch in unserer Region den Menschen die Möglichkeit bieten, sich spannende, aufschlussreiche Vorträge von bekannten, interessanten und renommierten Rednern anhören zu können, für die man sonst viele Kilometer weit reisen müsste. Es freut uns, dass die Reihe in diesem Jahr (wieder) viel Anklang gefunden hat und wir hoffen, dass im nächsten Jahr noch mehr Zuschauer dieses kostenlose Angebot nutzen werden.“

Gruppenbild

V.l.n.r.: Eugen Krax, Vorstand Bittmann-Stiftung, Landrätin Bettina Dickes, Prof. Dr. Gerd Gigerenzer, Sabine Bittmann Vorstandsvorsitzende Bittmann-Stiftung, Eckhard Schüßler Vorstand Bittmann-Stiftung.

Zweierbild

Die Vorstandsvorsitzende der Bittmann-Stiftung, Sabine Bittmann, bedankt sich bei Prof. Dr. Gerd Gigerenzer für den beeindruckenden und lehrreichen Vortrag.