Volle Aula, begeisterte Zuschauer!
„Spannend wie ein Krimi“ seien seine Vorträge. Das habe sie im Internet gelesen. Mit diesen Worten begrüßte die Vorstandsvorsitzende der Bittmann-Stiftung, Sabine Bittmann, das Publikum am Freitagabend in der vollbesetzten Aula des Paul-Schneider-Gymnasiums in Meisenheim. Und sie sollte Recht behalten. Die Stiftung hatte den Profiler und Kriminalanalysten Mark T. Hofmann für einen Vortrag gewinnen können. Das Thema mit Nutzwert für den Alltag: „Menschen lesen – erfolgreich überzeugen“. Das Publikum applaudierte ausdauernd und intensiv.
Es ist der Widerspruch in den Persönlichkeiten von intelligenten Tätern, die Hofmann antreibt, mit ihnen in Verbindung zu treten, um ihre Motive herauszufinden. Denn nur die „Doofsten sitzen hinter Gittern“, sagt der Kriminalanalyst, der sich in den dunklen Sphären des Internets bewegt, um Kontakte zu knüpfen. Hofmann will wissen, was hoch qualifizierte Hacker antreibt. „Sie haben sich für die Kriminalität entschieden, obwohl sie Alternativen haben und auch auf der guten Seite gut verdienen könnten.“
Teil des alltagsnah aufgebauten Vortrags war dem Thema Lügen gewidmet. Wie sie zu erkennen sind, dazu gab es praktische Lehrbeispiele. Mimik, zu häufiger Augenkontakt, hohe Blinzelfrequenz, besondere Betonung der Wahrheit, detailreiche Antworten auf einfache Ja-Neinfragen und Fragewiederholung, das sind laut Hofmann entlarvende Erkennungszeichen für Menschen, die ein Problem mit der Wahrheit haben. Zur genauen Beurteilung sei allerdings Voraussetzung, den Normalzustand der jeweiligen Kriterien beim Gegenüber zu kennen – die Baseline, wie Hofmann es nennt.
Seine Beispiele sorgten immer wieder für erheiternde Zustimmung im Publikum, sind doch auch einige Erkenntnisse im Laufe des Lebens zum Erfahrungsschatz geworden. Viele Erkenntnisse hat der Profiler bei seinen USA-Aufenthalten von FBI-Ermittlern übernommen und abgeleitet. Er rät: „Mit Augen, Ohren und Herz“ den Fokus auf Details hinter der Fassade richten und die Motive des Gegenübers erkennen.
Gerade in Verhandlungen, sei es geschäftlich oder privat, sei es von Nutzen zu erkennen, mit welchem Typ Mensch man es zu tun habe. Die am häufigsten vorkommenden Erscheinungsarten teilt Hofmann in sechs Motivkategorien: Die Narzissten, die Unsicheren, die Jammernden, die Starken, die besonders Intelligenten und die, die nach Beliebtheit streben. Erkenntnis führe zu einer besseren Verhandlungsposition. Verkaufen heißt zeigen und weniger reden, weil optische Wahrnehmung eindrucksvoller sei als viele Worte – und im richtigen Moment auch einmal stillhalten und nichts sagen, sei oftmals der erfolgversprechendere Weg.
Lügen alle Politiker? Es war Bad Kreuznachs Landrätin Bettina Dickes, die am Ende des Vortrags die Frage an den Referenten stellte und damit für Heiterkeit im Publikum sorgte. Hofmann hatte zuvor mithilfe von Videosequenzen demonstriert, woran Lügen erkannt werden können. Als Beispiel diente – neben Bill Clinton, Karl-Theodor zu Guttenberg, Wolfgang Schäuble und Heiner Geißler (alle Politiker) – auch der frühere Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, Uwe Barschel, mit seinem „Ehrenwort“, das er der Öffentlichkeit 1987 gab. Hofmann lenkte dabei den Blick auf das, was nach Barschels wortreicher Unschuldsbeteuerung geschah, denn „die verräterische Mimik zeigt sich danach“. Barschel stützte seinen Kopf auf beide Hände, als ob er eine schwere Last wäre. Verdächtig machte ihn laut Hofmann außerdem die wiederholte Versicherung seiner Unschuld.
Wieder zur Landrätin gewandt: Nein, sie lügten nicht alle, aber er habe den Verdacht, dass die Tendenz zur Unwahrheit eher auf der Bundes- als auf den unteren Ebenen zu finden sei, gab sich Hofmann diplomatisch. Mehr Bezug zur Basis täte Bundespolitikern sicher gut.
Wenn ein Vortrag über eineinhalb Stunden wie im Fluge vorbeigegangen zu sein scheint, dann hat der Referent bei Themenwahl und Präsentation offenbar alles richtig gemacht. Hofmann hat ganze (Überzeugungs)-arbeit geleistet. Eineinhalb Stunden, schnell waren sie vorbei und Hofmann noch für Fragen aus dem Publikum offen.






2024: Dr. Ingo Froböse





Mit lang anhaltendem Applaus ging am Freitag, 22. November, die sechste Vortragsveranstaltung, zu der die Bittmann-Stiftung wieder in die Aula des Meisenheimer Paul-Schneider-Gymnasiums eingeladen hatte, zu Ende. Dr. Ingo Froböse, emeritierter Professor für Gesundheit, Prävention und Rehabilitation an der Sporthochschule Köln und Buchautor zahlreicher Gesundheitsratgeber zeigte im voll besetzten Auditorium in unterhaltsamer Weise auf, wie sportliche Betätigung für Gesundheit und Wohlbefinden im Alter sorgen kann. Voraussetzung dafür: Man muss es machen und zwar richtig.
Bewegung, Ernährung, Regeneration, das sind die drei Kernpunkte in Froböses Philosophie für einen gesunden Körper, um auch im Alter eine hohe Lebensqualität genießen zu können. Seine Empfehlungen leitet er aus der sportwissenschaftlichen Forschung ab und überträgt sie auf den Alltag. Es geht ihm dabei nicht, wie man vermuten könnte, um Höchstleistung als vielmehr um Wohlbefinden auch im hohen Alter.
Regeneration. „Wir laden den Akku unseres Smartphones abends auf, damit er am nächsten Morgen wieder voll ist. Und wie ist das mit Ihrem persönlichen Akku?“ ,fragt Froböse schmunzelnd. Regeneration ist das Stichwort. „Es gibt Leute, die gehen jeden Tag ins Fitnessstudio und wundern sich, dass sie nicht besser werden. Richtig gut wird man eben erst durch Pausen, nicht durch Training. Ohne Regeneration ist alles nichts“, verdeutlicht der Experte. Je nach Belastung variiert die Länge der Pause. Konkret: bei Ausdauertraining zwischen 24 bis 36 Stunden, bei Muskeltraining etwa 72 Stunden bis zur nächsten Einheit, sagt Froböse. Und was für Leistungssportler gilt, gilt genauso für Ottonormalverbraucher.
Es ist aber nicht nur die Pause alleine, die für den gewünschten Effekt sorgt, sondern auch die Art wie der Zeitraum ausgestaltet wird. Der Abkühlphase komme große Bedeutung zu, da die durch die Intensität der Bewegung erzeugte Temperaturerhöhung des Körpers wieder herunter reguliert werden müsse. Das bedeute, den Pulsschlag allmählich zu reduzieren, beispielsweise durch leichte Dehnungsübungen, Massage oder Saunieren, beschreibt Froböse den Weg des „Cool down“. Sport treiben mit Herz und Verstand unter dem Aspekt der Erholung, nicht unter Druck. Auf Fitnesstracker könne man getrost verzichten. Sie erzeugten unnötig Stress, etwa wenn die Uhr 3000 noch fehlende Schritte anzeige.
Bewegung. Spätestens ab einem Alter von 60 Jahren sollte der Muskulatur besondere Aufmerksamkeit zuteil werden. „Je älter wir werden, umso wichtiger ist das Muskeltraining“, sagt Froböse. Weil Muskeln, die nicht arbeiten, verkümmern. Und ohne Muskulatur gibt es keine Bewegung. „Unser Skelett bewegt sich nicht von alleine“, lautet die einleuchtende Erkenntnis aus mangelnder Aktivität. „Wer keine fünf Kniebeugen in 15 Sekunden hinkriegt, dem droht in zwei Jahren Pflegebedürftigkeit“, stellte Froböse einen Erfahrungswert in den Raum. Der Satz ließ aufhorchen. Aber man kann etwas dagegen tun: Schon zwei- bis dreimal wöchentlich 20 bis 25 Minuten Muskeltraining genügen laut Froböse, um in Schwung zu bleiben. Man müsse es halt tun. Es sei so ähnlich wie mit dem Zähneputzen: es mache nicht immer Spaß, sei aber notwendig. „Körperliche Reize sind ein Lebensmittel für uns.“
Ernährung. Wer trainiert, muss essen, sagt er: „Mit einem Süppchen oder Salat kommen sie nicht weit.“ Kohlehydrate als Energielieferant und Eiweiß für die Muskulatur. Von letzterem braucht der Körper pro Kilogramm Körpergewicht etwa ein Gramm. Bei einem Körpergewicht von 80 Kilogramm ergibt sich somit ein Eiweißbedarf von 80 Gramm täglich. Es komme allerdings darauf an, wann was gegessen werde. Froböse empfiehlt zum Frühstück vornehmlich Kohlehydrate und Fett, weil der Körper für den Tag Energie benötige. Mittags nährstoffreiche Vitalkost, um Ermüdung vorzubeugen und am Abend eiweißreiche Kost. Eiweiß am Abend deshalb, weil der Körper zur Ruhe komme und keine Energie mehr benötige, darüber hinaus das aus Eiweißverbindungen bestehende Immunsystem repariere. Vor Zwischenmahlzeiten am Tag warnt der Experte: „Sie liefern zwar Energie, aber sie rauben sie auch, weil der Körper sich zu viel mit Nahrung beschäftigt.“ Vier bis sechs Stunden sollten zwischen den einzelnen Mahlzeiten liegen. „Haben Sie keine Angst, wir verhungern nicht.“ Und ganz wichtig: trinken nicht vergessen. Gut zwei Liter Flüssigkeit beispielsweise bei einem Gewicht von 80 Kilogramm; davon 60 Prozent in den ersten sechs Stunden des Tages, weil der Körper über Nacht viel Flüssigkeit verliere.
Am Ende beantwortete Froböse zahlreiche Fragen aus dem Publikum. Die Vorsitzende der Bittmann-Stiftung, Sabine Bittmann, Ehefrau des kürzlich verstorbenen Gründers, dankte herzlich für den äußerst kurzweiligen und aufschlussreichen Vortrag.
Zu Beginn der Veranstaltung gedachte das Publikum in einer Schweigeminute dem vor wenigen Tagen am 6. November verstorbenen Gründer und Namensgeber der Stiftung, Fritz August Bittmann. Vorstandsmitglied Eugen Krax würdigte ihn als einen überragenden Unternehmer, der das Familienunternehmen BITO zu einem der führenden Lagerlogistikproduzenten entwickelt hat. Stets den Menschen zugewandt, habe Fritz August Bittmann im „Herzen der Gemeinschaft“ in Meisenheim gelebt. Als fürsorglicher Arbeitgeber habe er seinen Mitarbeitern stets Wertschätzung entgegengebracht. Aus seiner Liebe den Menschen gegenüber habe er 2008 die gleichnamige gemeinnützige Stiftung gegründet. Sie sei sein Vermächtnis, das weit über seinen Tod hinaus strahlen werde.
2023: Wolfgang Grupp
„Er sagt, was er denkt. Das gefällt mir – und ihnen hoffentlich auch“. Mit diesen Worten begrüßte die Vorsitzende der Bittmann-Stiftung, Sabine Bittmann, am vergangenen Freitagabend das Publikum in der proppenvollen Aula des Meisenheimer Paul-Schneider-Gymnasiums. Die Bittmann-Stiftung setzte ihre Vortragsreihe mit dem über die Grenzen Deutschlands bekannten Trigema-Unternehmer Wolfgang Grupp fort. Das Thema: Unternehmertum in Deutschland.
Sabine Bittmanns Hoffnung sollte sich erfüllen: Deutlich mehr als 500 Gäste kommentierten Grupps Ansichten zwischendurch immer wieder mit begeistertem Applaus. Mitreißend und geistreich plauderte Grupp über Unternehmensführung und Unternehmenskultur, Unternehmergeist und unternehmerische Verantwortung. Die zwei Stunden vergingen wie im Flug, keine Minute war langweilig.
Es war ein Plädoyer für den mit seinem Kapital haftenden Einzelunternehmer, der seine Firma als eingetragener Kaufmann (e.K.) führt, so wie er, Grupp, es tut. Der ehrbare Kaufmann, auf dessen Wort Verlass ist, der ein Geschäft mit dem königlichen Handschlag besiegelt – das ist im Kern Grupps Idealvorstellung vom Unternehmer, wie es ihn in Deutschland überwiegend geben sollte. Natürlich weiß auch Grupp, dass dieser Idealtyp eines Unternehmers schwer zu erfüllen ist, aber einige grundlegende Anforderungen hält er für unabdingbar, beispielsweise Ehrlichkeit und Verantwortungsbewusstsein sowie Wertschätzung der Mitarbeiter. „Dahin müssen wir zurück“, fordert er im Hinblick auf Investoren, die lediglich Gewinnmaximierung im Sinn hätten, im Falle ihres Scheiterns aber nach dem Staat riefen. Solch verantwortungslosen Managern mache es der Staat zu leicht, findet Grupp unter dem Beifall der Zuhörerschaft. Er nennt das Beispiel einer Firmeninsolvenz, bei der sich die Inhaber noch eine Millionen Euro teure Yacht gönnten. „Das darf nicht sein“, kommentierte Grupp mit Unverständnis derartige Möglichkeiten, sich aus der Verantwortung ziehen zu können.
Freilich, auch die Rechtsform des Einzelkaufmanns schützt nicht vor schwarzen Schafen mit kriminellen Machenschaften, wie der Trigema-Chef einräumte, als er auf den Fall Schlecker angesprochen wurde.
Verantwortung erschöpft sich für Grupp nicht in maßlosem Wachstum, als vielmehr im Maßhalten: „Die Firma darf nur so groß werden, dass ich sie noch überblicken kann.“ Nicht weniger wichtig: das Erkennen von Problemen und deren Lösung und zwar unverzüglich. „Wer ein großes Problem hat, ist ein Versager“, sagt Grupp: „Weil ein großes Problem einmal ein kleines Problem war. Warum hat er es nicht gelöst als es noch klein war?“ Alleine der Unternehmer sei verantwortlich. „Wenn Trigema ein Problem hat, gibt’s nur einen Verantwortlichen und das bin ich.“
Das sind einleuchtende Sätze, für die Grupp immer wieder Applaus erntete. Grupp fürchtet weder Mindestlohn noch die Konkurrenz aus China. „Wenn das Produkt den Mindestlohn nicht verträgt, dann habe ich das falsche Produkt.“ Wenn die Chinesen preiswerter produzieren, dann muss ich eben besser und innovativer sein“.
Beim Thema Lohn spiele die Gerechtigkeit eine große Rolle. „Wenn einer mehr leistet, muss er auch mehr verdienen, und das wird auch akzeptiert.“
Der Firmenpatriarch aus Burladingen, der die Verantwortung zum 1. Januar 2024 an seinen Sohn und seine Tochter übergibt, hat sich nicht einem Preisunterbietungswettbewerb ausgesetzt. Den Wandel am Markt rechtzeitig erkennen und ihn einleiten („Augen auf, Ohren auf, den Wandel erkennen“), ist für Grupp ebenfalls essenziell. Er höre auf seine Mitarbeiter, die Entscheidung treffe er. Die Reihe seiner Grundsätze lässt sich fortsetzen. Die Wertschätzung seiner Mitarbeiter gehört ebenso dazu wie die Arbeitsplatzssicherheit, die er garantiert. Dass er sich nicht abhängig macht von Banken und Kunden, hätte fast nicht einer Erwähnung bedurft.
Seine Meinung zu gesellschaftspolitischen Erscheinungen lässt er gelegentlich in seinem Vortrag aufblitzen. So begrüßt er durchaus in der Flüchtlingsfrage eine Willkommenskultur, „wenn aber jemand hier ein Verbrechen begeht, dann muss er weg.“
Grupp ist an diesem Abend seinem Ruf treu geblieben als Mann der klaren Worte. Aber auch als einnehmender Redner, humorvoll, geistreich und mit einem Hang zur (Selbst)-Ironie. So dankte er gleich zu Beginn dafür, ihn für erfolgreich zu halten. „Ich soll angeblich erfolgreich sein. Erfolgreich sein ist einfach, aber es zu bleiben…Viele waren erfolgreich und sind als Versager beerdigt worden.“ Der Einstand war ihm gelungen, das Publikum auf seiner Seite.








2022: Frank Sieren

Die Jahrzehnte währende Vorherrschaft des Westens, die Welt nach seinen Vorstellungen zu gestalten, geht zu Ende. Die Spielregeln werden künftig andere bestimmen, allen voran China. Das sagt Frank Sieren. Der renommierte Journalist und Buchautor, der seit mehr als 25 Jahren in China lebt, referierte auf Einladung der Meisenheimer Bittmann-Stiftung am Freitagabend, 18. November, in einer nahezu voll besetzten Aula des Paul-Schneider-Gymnasiums zum Thema „Weltmacht China – zwischen Innovation und Überwachung sowie seine Rolle im Ukraine-Krieg“.
Nach Sierens Beobachtung verfolgt das Reich der Mitte beharrlich seinen Weg an die Weltspitze, während sich der Westen – im wesentlichen Europa und die USA – noch in der trügerischen Sicherheit wähnt, China als seinen Billigproduzenten anzusehen. Doch das Land mit seinen 1,4 Millionen Menschen ist nicht mehr die „Fabrik der Welt“, die der Westen für sich nutzt, um günstige Produkte auf den Märkten absetzen zu können. Während man auch in Deutschland dachte, es gehe ewig so weiter, arbeitete China konsequent an seinem Ziel, Weltmacht zu werden – und zwar die innovativste.
Mit einer geschickten Wirtschaftspolitik aus staatlichen Planzielen und marktwirtschaftlichen Elementen setzt die Volksrepublik zu Aufholjagd und Überholmanöver an. Immer dort, wo es dem Fortschritt und dem wirtschaftlichen Nutzen dient, darf sich Kapitalismus (in Grenzen) in eigens gebildeten Sonderwirtschaftszonen auch mit westlichen Firmen entfalten. Innovation durch Wettbewerb und nicht durch Planwirtschaft lautet Chinas Credo. So hat die anfängliche Win-win-Situation, bei der westliche Demokratien von preiswerten Produktionsbedingungen profitierten und China sich über hohe Beschäftigung mit höheren Arbeitseinkommen und damit verbundenem Konsum freute, mittlerweile zu einer extremen Abhängigkeit des Westens vom Reich der Mitte geführt, die nach Sierens Ansicht von der Politik viel zu spät erkannt wurde. Chinas rasante Aufholjagd zeige sich beispielsweise im Bau von Autobatterien. Das riesige Reich habe Tesla bereits den Rang abgelaufen. Nio, Polestar und andere chinesische Elektroautos würden noch in diesem Jahr Deutschland erreichen. „Das wird den deutschen Automarkt dramatisch verändern“, ist Sieren sicher.
Doch Chinas Innovationsoffensive geht weit darüber hinaus. In der Digitalisierung liege das Land ebenfalls weit vorne, was beispielsweise am Stand der Bilderkennungssoftware festzustellen sei. Sie ist die Basis für die Entwicklung autonomen Fahrens. „Gegenüber den USA ist China hierbei technologisch führend“, sagt Sieren. Er verweist dabei auf inzwischen „zahlreiche Hauptstraßen für autonomes Fahren“ in der Millionenmetropole Shenzhen.
Begleitet wird das Ganze von einer nahezu totalen digitalen Kontrolle der Bürger. Überwachung aller Orten, ohne die Nutzung einer App gehe nichts. Hunderttausende von Kameras in Städten überwachten die Schritte der Menschen. Bestellen, bezahlen, Zugang zu Wohnung oder Einrichtungen – alles funktioniere digital. Es gebe zwar ein Datenschutzgesetz nach europäischem Muster, das gelte allerdings nicht für den Staat. Dass das Leben im Prinzip über eine digitale App gesteuert werde, mit der Zeit spüre man es nicht mehr. Es sei integraler Bestandteil des Lebens.
Das Streben nach wirtschaftlicher Überlegenheit macht auch vor dem Luftraum nicht halt, wie Sieren schildert. Es fliegen bereits Drohnen, die auf Bestellung Essen und Medikamente zu den Kunden bringen. Testweise heben laut Sieren sogar Drohnentaxis ab mit bis zu vier Personen. An der dramatischen Entwicklung, die sich dort für den Westen zusammenbraut, lässt der Chinakenner keinen Zweifel: „Die laufen sich erst warm.“ Ohne China geht künftig also nichts. Und andere asiatische und afrikanische Staaten, die sich nicht mehr die westliche Weltsicht aufdrängen lassen wollen, ziehen mit. Sie haben ihre eigenen Vorstellungen, auch zu Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine (Sieren: „Der ist weit weg für sie.“), und China liebäugelt mit Russlands Gas.
Ist Europa noch zu retten? Noch nicht, meint Sieren. Aber: „Die Bedeutung von Innovation ist für uns essenziell. Nur wenn wir besser sind, bleiben wir im Geschäft“, so seine Mahnung. Innovation dürfe sich nicht im Selbstzweck erschöpfen, sondern müsse auch in Produkte münden. Selbstverliebtheit in deutsche Ingenieurskunst, die keiner kaufen will, habe keine Zukunft. Und um es noch einmal auf den Punkt zu bringen, fügt er noch zwei mahnende Sätze an: „Wir sind nicht alleine auf der Welt. Wir dürfen nicht machen, was wir für richtig halten, sondern wir müssen herstellen, was der Kunde will.“
In einer neuen „multipolaren Weltordnung“, wie Sieren sie kommen sieht, gibt es nicht mehr nur einen, der bestimmt, wo’s lang geht. Eine Chance für Deutschland und Europa mitzumischen, bestehe dann, wenn man erkenne, dass die großen Probleme der Welt nur gemeinsam zu lösen sind. „Wir sollten nicht schmollen, sondern den Mut haben, eigene Vorstellungen und Strategien zu entwickeln, um unsere Werte in die neue Weltordnung einbringen“, rät Sieren. Dazu brauche es einen Perspektivwechsel und das Verständnis für andere Sichtweisen. Je schneller, desto besser.
Nahezu zwei Stunden vergingen wie im Flug. Sabine Bittmann, die Vorstandsvorsitzende der gleichnamigen Stiftung, dankte Sieren für seine überaus informative und außerordentlich kompetente Expertise über ein Land, das er wie kein Zweiter seit Jahrzehnten aus eigener Erfahrung kennt und das sich dem westlichen Beobachter nur schwer erschließt. Dass Sieren mit seinem spannenden Vortrag den richtigen Nerv getroffen hatte, belegten zahlreiche Fragen aus dem Publikum.



2021: Heiner Brand

Heiner Brand – Handballweltmeister als Spieler und Trainer -referierte auf Einladung der Bittmann-Stiftung über den „Aufbau eines erfolgreichen Teams und Umgang mit Kritik“. Die begeisterten Besucher waren sich einig: Anschaulich, kurzweilig, humorvoll, mit vielen Denkanstößen. So lässt sich der Vortrag der Sportikone im Paul-Schneider-Gymnasium Meisenheim charakterisieren. Nach Ende des offiziellen Teils gab Heiner Brand noch die Möglichkeit zu persönlichen Gesprächen und bereitwillig Autogramme. Die Bittmann-Stiftung ist sich sicher: Auch in 2022 soll die Vortragsreihe fortgesetzt werden. Wer wird dann wohl der Gast in Meisenheim sein?

2019: Prof. Dr. Gerd Gigerenzer
Von der Absicherungskultur hin zur Schaffenskultur: Mehr Mut zum Entscheiden, um Stillstand zu verhindern.
Der renommierte und bekannte Risikoforscher und Psychologe Prof. Dr. Gerd Gigerenzer war für die Bittmann-Stiftung zu Gast in Meisenheim
Auch in diesem Jahr ist es der Bittmann-Stiftung wieder gelungen, einen ganz besonderen, charismatischen und international renommierten Redner als Gast in der Aula des Paul-Schneider-Gymnasiums Meisenheim zu gewinnen: Der promovierte Psychologe Prof. Dr. Gerd Gigerenzer zog die Zuschauer mit einem sehr lehrreichen und unterhaltsamen, kurzweiligen Vortrag zum Thema: „Entscheidungen unter Unsicherheit und begrenzter Zeit“ in ihren Bann.
„Das größte Risiko auf Erden laufen die Menschen, die nie das kleinste Risiko eingehen wollen.“ Mit diesem Zitat von Bertrand Russel eröffnete der anerkannte Risikoforscher Prof. Dr. Gerd Gigerenzer den zweiten Vortrag der Reihe „Aktuelle Themen aus Forschung und Wissenschaft“, die die Bittmann-Stiftung im vergangenen Jahr ins Leben gerufen hat.
In der fast voll besetzten Aula des Paul-Schneider-Gymnasiums in Meisenheim machte der bekannte Redner, Schriftsteller und promovierte Psychologe, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und Direktor des Harding-Zentrum für Risikokompetenz am Max-Planck-Institut in Berlin, den gespannt lauschenden Zuschauern deutlich, wie wichtig es ist, Entscheidungen auch zu treffen und damit Verantwortung zu übernehmen.

Je mehr Informationen man im Vorfeld zur Entscheidungsfindung sammelt, desto sicherer, besser fällt die Entscheidung aus? Dass diese oft – und nicht nur in der Wirtschaft – vorherrschende Meinung nicht immer unbedingt weiterführend ist, das machte Prof. Gigerenzer mit seinem Vortrag deutlich. Sind Bauchentscheidungen eine Alternative? Das war eine Frage, die von ihm hierbei beleuchtet wurde. Und wenn man weiß, dass die Grundlage des berühmten Bauchgefühls und der eigenen Intuition die vielen Erfahrungen sind, die man im Leben bereits gemacht hat – dann weiß man, dass es weise ist, sich auch darauf zu verlassen. Besonders in instabileren Situationen gilt es, nach dem besten Grund einfach zu entscheiden, wenn man viel Erfahrungen auf diesem Gebiet hat – je mehr umso besser!
Warum tun sich viele Menschen aber so schwer damit? Trifft man eine Bauchentscheidung, dann muss man selbst die Verantwortung dafür übernehmen und kann sich nicht nur auf die vielen zuvor gesammelten Zahlen, Fakten und Statistiken berufen, so Prof. Gigerenzer. Diese Angst vor Verantwortung führt aber häufig zu defensiven Entscheidungsvarianten, die dann oft auch eben nur zweitklassige Entscheidungen sind. Woher kommt die Angst? Oft daher, dass im Umfeld des Entscheiders eine negative Fehlerkultur besteht, in dem keine Fehler gemacht werden dürfen. Man möchte sich vor den Konsequenzen und auch vor dem negativen Gefühl, das damit einhergeht, schützen.
Die Konsequenz daraus wiederum: Auf die Entscheidungsfindung wird lieber viel Zeit und Energie verwendet, um sich mit möglichst vielen Informationen im Vorfeld abzusichern, statt auf sein Gefühl zu hören und nach dem besten Grund schneller zu entscheiden. Diese Vorgehensweise jedoch führt zu Verlangsamung von Innovation und im schlimmsten Fall zu Stillstand.
Das Informationen und Statistiken bei der Risikominimierung nicht immer hilfreich sind, zeigte Prof. Gigerenzer u.a. anschaulich am Beispiel von Terroranschlägen: „Der Terror schlägt immer zweimal zu“, so Prof. Gigerenzer. Nämlich zum einen natürlich bei der Ausübung selbst – und weiter dann durch die daraus resultierenden Konsequenzen, wie die Ängste und das Verhalten der Menschen im Nachhinein. So hatte es sich etwa gezeigt, dass nach den Anschlägen des 11. Septembers in den USA ein Vielfaches mehr an Menschen bei Autounfällen ums Leben kamen, als in den Jahren zuvor, weil viele aus Angst vor einem Flugzeugabsturz auf Autoreisen umgestiegen sind. Als sich im darauffolgenden Jahr das Reiseverhalten wieder verändert hat, hat sich auch diese Statistik wieder relativiert. Auch sterben z.B. mehr Menschen an Krankenhauskeimen als bei Terroranschlägen, erwähnt Prof. Gigerenzer.
Das alles berechenbar ist, ist sowieso eine Illusion, so Prof. Gigerenzer. Daher bringen schnelle, robuste, verantwortungsvolle und mutig getroffene Entscheidungen einen meist weiter. Lange Entscheidungswege und Hierarchien behindern häufig das Voranschreiten, denn je länger man nachdenkt, desto schwieriger kann es werden.
Von der zunehmenden Absicherungskultur muss es wieder weg hin zur Schaffenskultur gehen. Weniger kann mehr sein, so Prof. Gigerenzer – wichtig ist es, den Mut zu haben, Entscheidungen zu treffen und dabei auch Fehler einzukalkulieren, damit es keinen Stillstand gibt. Dafür müssen die Menschen – die Erwachsenen und vor allem auch die Heranwachsenden – wieder verstärkt lernen, mitzudenken, statt bequem zu sein und mit dem Blick auf das Ganze mehr Eigenverantwortung bei Entscheidungen zeigen.
„Es hat uns wirklich sehr stolz gemacht, diesen ganz besonderen und hochkarätigen Gast auf diesem Gebiet in Meisenheim begrüßen zu dürfen,“ so Eugen Krax, Stiftungs-Vorstand. „Wir möchten mit unserer Vortragsreihe auch in unserer Region den Menschen die Möglichkeit bieten, sich spannende, aufschlussreiche Vorträge von bekannten, interessanten und renommierten Rednern anhören zu können, für die man sonst viele Kilometer weit reisen müsste. Es freut uns, dass die Reihe in diesem Jahr (wieder) viel Anklang gefunden hat und wir hoffen, dass im nächsten Jahr noch mehr Zuschauer dieses kostenlose Angebot nutzen werden.“

V.l.n.r.: Eugen Krax, Vorstand Bittmann-Stiftung, Landrätin Bettina Dickes, Prof. Dr. Gerd Gigerenzer, Sabine Bittmann Vorstandsvorsitzende Bittmann-Stiftung, Eckhard Schüßler Vorstand Bittmann-Stiftung.

Die Vorstandsvorsitzende der Bittmann-Stiftung, Sabine Bittmann, bedankt sich bei Prof. Dr. Gerd Gigerenzer für den beeindruckenden und lehrreichen Vortrag.